Unsere Ausstellung „Exploring Istanbul“ wird nun in Istanbul selbst gezeigt und zwar im Bariş Manço Kültür Merkezi 9. bis zum 30. November 2013 täglich von 10-18 Uhr.

Ausstellung Istanbul

Mehr zum Projekt kann man aus dieser Broschüre erfahren (PDF, türkisch/deutsch/englisch).

Caferağa Quarter, Fashion Street, Nail Bey Sokak (Caferağa Spor Salonu Yanı)
Tel: (0216) 418 16 46
E-Mail: info@bmkm.gen.tr

Ein Projekt des Photocentrum am Wassertor, Berlin, und des Städtepartnerschaftsvereins Kadıköy e. V.

stadtansicht

#direngeziparki – Wem gehört die Stadt? – Exploring Istanbul

Eine Diskussion am 20. Juli 2013 über Protest und Stadtentwicklung mit Erdem Evren, politischer Anthropologe, und Ayşe Erek, Kunsthistorikerin. Moderation: Valie Djordjevic

Englisch/Deutsch.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Proteste Ende Mai in Istanbul sich an der Rettung eines kleinen Parks im Zentrum der Stadt entzündeten, der in eine Shopping Mall umgewandelt werden sollte. Erdem Evren and Ayşe Erek, die beide im Juni während der Proteste in Istanbul waren, werden über Gentrifikation, die türkische politische Szene, die Entwicklung einer Zivilgesellschaft, die Rolle der Religion und wahrscheinlich vieles mehr diskutieren.

Erdem Evren ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Moderner Orient in Berlin und arbeitet zu den Themen politischer Aktivismus, Staatlichkeit und Gender in der Türkei. Die Kunsthistorikerin Ayşe Erek beschäftigt sich mit Kunst und Gentrifizierung in Istanbul. Sie ist Gastwissenschaftlerin im Stadtlabor des Instituts für europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Haus in Emekevler, Ataşehir

Am Freitag, den 19. Juli 2013, eröffnet endlich unsere Foto-Ausstellung “Exploring Istanbul”. Wir waren im Oktober 2012 als Berliner Gruppe eine Woche in Istanbul, wo wir uns verschiedene Viertel angesehen haben, die unter dem Druck der Gentrifikation stehen. Dort redeten wir mit Leuten, die uns darüber erzählt haben, wie gegenwärtig die Stadt umgebaut wird. Wir wurden von ein paar Istanbuler Fotografen begleitet – aus dem Nazim Hikmet Kültür Merkezi in Kadıköy -, die zum Glück dabei waren. Sonst wäre es sehr schwer gewesen mit der Verständigung, da es nur zwei Leute gab, die wenigstens ein bisschen Türkisch konnten.

Mein Eindruck: Es ist kein Zufall, dass sich die Proteste in der Türkei an der Zerstörung einer kleinen Grünfläche entzündet haben. Auch wenn inzwischen andere Gründe mitspielen, ein ganz großes Problem ist, dass die städtische Bevölkerung sich machtlos fühlt gegenüber einer allmächtigen Baulobby, die mit der Regierung unter einer Decke steckt.

Deshalb veranstalten wir auch am zweiten Tag der Ausstellung, am Samstag, den 20. Juli um 20 Uhr, eine kleine Podiumsdiskussion mit dem politischen Anthropologen Erdem Evren und der Kunsthistorikerin Ayse Erek, die uns etwas über Stadtentwicklung und Protest erzählen können. Ich moderiere.

Turkey

Aus den Luftballons am Meerufer; aus Parkplätzen; Straßenkreuzungen; einem Stuhl in einer ruhigen Ecke der Einkaufspassage, neben dem ein Aschenbecher und ein Putzeimer stehen; dem bröckeligen Mosaik im Viertel, das abgerissen wird; einem platt gefahrenen Schuh; den Blumenrabatten auf dem Mittelstreifen der Autobahn; den roten und blauen Fähnchen zum Nationalfeiertag, die sich über Straßen und Plätzen ziehen; der dicken Katze auf dem Bürgersteig, die die Passanten keines Blickes würdigt; den zerbrochenen Teetassen neben dem Container; den Wasserflaschendeckeln an den Straßenecke; den Regenschirmverkäufern am Hafen, die laut „buyurun, buyurun“ rufen; den Rosen am verrosteten hellblauen Metallgitter; der Schafswolle, die im Garten zum Trocknen hängt; der Sonne zwischen den Blättern; den Möwen, die hinter der Fähre nach Brot schnappen; den Männern in der Moschee, die erzählen, dass sie aus ihrem Viertel vertrieben werden; den leeren Häuschen der Security-Leute; dem Blick der Frau aus dem vergitterten Fenster, die nicht fotografiert werden möchte; kichernden, uniformierten Schülerinnen auf dem Weg nach Hause; Bushaltestellen auf der Stadtautobahn; Fußpfaden zwischen fahrenden Autos; Busbahnhöfen und Dolmuş-Bussen; und dem Glitzern des Wassers auf dem Bosporus.

Das ist ein Metapost, eine Liste der Tagebuch-Einträge von unserer Reise im Oktober 2012. Wird geupdatet, wenn ein neuer Tag endlich fertig ist.

Montag, 22. Oktober 2012 | Pazartesi 22 ekim

Wir laufen eine Hauptstraße in Ataşehir entlang. Es ist eine Wohngegend, Mittelschicht, es geht an einem Kindergarten vorbei, dessen Fassade mit bunten Anbauten und Türmchen geschmückt ist – Plexi in Pink und Grün. Drumherum Wohnhäuser mit zwanzig Stockwerken und hohen Zäunen. Die Wachmänner passen in kleinen Häuschen darauf auf, dass die türkische Mittelschicht ruhig schlafen kann. Auf dem Parkplatz steht ein Lieferwagen, der mit dem Foto einer Einbauküche tapeziert ist.

01atasehir-lieferwagen

Emekevler ist eine Insel in diesem Häusermeer. Man kann sie nur an drei Stellen betreten, durch schmale Steige, über einen betonierten Wasserzulauf. Emekevler heißt so viel wie die Häuser der Arbeiter, sagt Kam, die für uns übersetzt. Arbeiter im Sinne von denjenigen, die nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie auf dem Markt verkaufen – Tagelöhner. Wir laufen eine Seitenstraße hoch und verlassen die Stadt. Links und rechts wachsen Büsche, die Zweige der Obstbäume beugen sich über die Zäune herüber. Wir befinden uns in einem Garten – die Stadt hinter uns verschwindet. Hinter einem blühenden Busch – jetzt im Oktober – kleine Häuser, ebenerdig, mit kleinen Gärten. Wir sehen keinen Menschen. Erst oben auf dem Hügel auf einer breiteren Straße – die Vegetation hat sich gelichtet – begegnet uns ein älterer Mann, der uns gleich anspricht und wissen möchte, wer wir sind und woher wir kommen.

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Montag, 22. Oktober 2012 | Pazartesi 22 ekim

Atasehir

Vormittags Manöverkritik. Viele haben wegen unseres Trips nach Tarlabaşı ein schlechtes Gefühl und finden, dass es unglücklich gelaufen ist. Dafür, dass wir noch in Berlin drüber gesprochen haben, dass wir eigentlich nicht neokolonial durch die Gegend rennen wollten, ist nach Meinung vieler genau das passiert. Es ist schwierig, wie man mit solchen Situationen umgehen soll – gerade in der zweiten Hälfte unseres Spaziergangs sind wir ja in Tarlabaşı auch Leuten begegnet, die gerne mit uns reden wollten und durchaus offen waren. Wie gesagt, ein wenig bessere Vorbereitung und Kontakt mit Ansässigen hätte wahrscheinlich geholfen, vor allem, weil ich später erfahren habe, dass viele Studierende in T. wohnen und es viele Initiativen gibt, die sich mit dem Viertel beschäftigen. Das Blog der Anthropologin Constanze Letsch und dem Fotografen Jonathan Lewis www.tarlabasiistanbul.com sammelt vieles davon und wie sich das Viertel entwickelt. Letsch schreibt oft auch für den Guardian über Tarlabaşı. Eine schöne visuelle Reportage habe ich im Blog “Anders anziehen” gefunden, wo die Autorin auch von Außen dahin kommt, von vielen gewarnt wird, aber dann doch sehr nett aufgenommen wird.

Egal, Dinge sind nicht immer perfekt und wir wollen weitermachen. Der Tag heute wird dann noch für mich sehr lohnend, am späten Nachmittag, als wir nach Emekevler kommen, doch zunächst geht es nach der vormittäglichen Besprechung nach Ataşehir in ein Mittelklasse-Wohnviertel. Kam und Hatice wohnen hier in der Nähe, also fotografieren in ihrem eigenen Turf sozusagen. Sie wundern sich auch zunächst etwas, was es denn hier zu fotografieren gibt, sind aber durch aus bereit, mitzumachen. Das ist ja schließlich der Sinn der Sache für sie – ihre eigene Stadt neu kennenzulernen beziehungsweise durch unsere Augen neu zu sehen.

Ein paar von uns fahren jedenfalls mit Kams Auto hin und zuerst müssen wir mittagessen. Ist schließlich MIttag und da ich morgens kaum frühstücke – außer irgendwann einen Kaffee oder Tee – ist mir das nur recht. Die Ladenpassage ist zweistöckig, wobei oben aber viel leer steht. Wir essen in einer Lokanta, da isst man hier zu Mittag, das ist so ein Selbstbedienungsrestaurant, wo man drei oder vier gekochte Essen zur Auswahl hat. Meinst sehr lecker und nicht teuer. Hier ist das eher die Yuppie-Version im Vergleich zu anderen Läden, wo wir waren. Read the rest of this entry »

Sonntag, 21. Oktober 2012 | Pazar 21 ekim

in front of istanbul modern

Der Sonntag ist der einzige freie Tag, den wir in der Woche haben. Mir fehlt die Zeit hier einfach mal rumzulaufen und nichts zu tun – die Stadt wirken zu lassen, ohne dass ich dran denken muss, möglichst viele Fotos zu schießen. Schließlich muss ich am Ende eine Auswahl von Bildern haben, die ich ausstellen kann. Das ist das Ziel dieser ganzen Veranstaltung. So sehr ich mich hier wohl fühle – und das ist schon etwas merkwürdig, ich war noch nie in der Türkei und es ist schon sehr anders, als in Deutschland und auch als in Serbien, trotz aller bekannten Elemente, die mir hier begegnen. Es ist, als ob ich die Stadt schon kenne, nach langer Zeit wieder zurückkehre oder eher, noch nie woanders war. Das ist mir sonst nie so gegangen, aber das Gefühl der Fremdheit, das man in einer neuen Stadt hat, ist nicht da. Jedenfalls beschließe ich, heute nicht zu fotografieren beziehungsweise nur mit dem iPhone und der analogen Knipse, die ich dabei habe, einfach nur Urlaubsfotos zu machen.

Ich bin mit Tiger und Tina verabredet, die ich bisher kaum sehen konnte, wegen dem straffen Programm, das wir hier haben. Ganz frei hab ich trotzdem nicht, denn wir wollen uns im Museum für moderne Kunst “Istanbul Modern” die Istanbul Design Biennale anzuschauen, die sich mit Stadtplanung und Stadtentwicklung beschäftigt, also genau den Themen nachgeht wie wir, natürlich etwas tiefgreifender – wie weit kommt man schon in einer Woche und nach drei oder vier Texten, die wir gelesen haben. Auf der Website der Design Biennale ist ziemlich viel Material – Texte und Zeitschriften, die das Thema sehr ausführlich behandeln.

Danach machen wir einen Bötchen-Ausflug auf den Bosporus bis kurz hinter die zweite Brücke und abends gehen wir wieder ins Çiya essen. Ich brauchen eine mentale Pause nach den ganzen neuen Eindrücken und deshalb belasse ich es auch hier bei diesem kurzen Eintrag.

Samstag, 20. Oktober 2012 | Cumartesi 20 ekim

Tarlabaşı

Am Vormittag sind wir in unserem Zimmer in Kadıköy (das in dem Bürohaus des Bezirks). Wir schauen uns die Fotos an, die wir bisher gemacht haben in Fikirtepe und Kuzguncuk. Fikirtepe hat mehr hergegeben fotografisch imho, weil dort die Leute alle auf der Straße waren und neugierig. Außerdem war die Kombination zwischen Abrisshäusern und den dörflichen Wohnhäusern spannender als der Mittelklassebezirk Kuzguncuk. Wohnen würde ich allerdings lieber in letzterem. Aber das ist nicht die Frage (und ich könnte es mir wohl nicht leisten).

F. hat hauptsächlich Portraits gemacht. Er macht das auch total gut, irgendwie schafft er es trotz mangelnden Sprachkenntnissen eine Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Ich schaue ihm bei der Arbeit zu und die Leute sind total geduldig, stellen sich hier hin und dorthin, drehen sich ins Licht. Die meisten wollen nicht mal einen Abzug bzw. eine Kopie der Datei. Er erwähnt den Begriff Hüzün, über den Orhan Pamuk geschrieben hat, als konstituierendes Gefühl Istanbuls und das er versuchen möchte, das in den Gesichtern zu finden. Ich lese das Pamuk-Buch erst nach der Reise, mich erreicht es nicht. Hüzün soll ein kollektives Gefühl der Melancholie und Sehnsucht sein, das Istanbul durchdringt. Auf unseren Spaziergängen durch die sonnige Stadt ist davon nicht viel zu spüren. Es ist zwar Oktober, aber wir haben schönstes Sommerwetter. Von Herbst keien Spur. Mir kommt es eher wie Mittelklasse-Dekadenz vor, damals als alles besser war, das alte Istanbul… aber was weiß ich, ich bin ja das erste Mal hier. (Bei Süddeutsche.de gibt es einen Essay von Pamuk über Hüzün: “Hüzün, das Istanbul-Gefühl”)

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Freitag, 19. Oktober 2012 | Cuma 19 ekim

Auf der Straße, Kuzguncuk

Wir sind vormittags in Kuzguncuk mit ein paar jungen Stadtplanern vom „us kentsel fikir atolyesi” („kentsel fikir atolyesi bedeutet so viel wie  „Städtisches Ideenatelier”), die uns in Kuzguncuk herum führen werden. Kuzguncuk ist ein kleines Viertel auf der asiatischen Seite oberhalb von Üsküdar gleich bei der Bosporusbrücke. Es war früher ein Fischerdorf. Jetzt wohnen dort Architekten und Designer. Die Straßen sind schattig, es gibt viele kleine Läden mit Restaurants, eine Galerie, eine Schmuckwerkstatt, alles sehr knuffig und bürgerlich mit Kulturtouch. Also ziemlich nett, auch wenn politisch und ökonomisch natürlich problematisch. Aber natürlich möchte man dort wohnen. Ein Dorf in der Großstadt, aber ohne Misthaufen-Geruch.

Die Stadtplaner, eine junge Frau und ein junger Mann (leider habe ich seinen Namen nicht aufgeschrieben), führen uns zum Kommunalgarten, der leider etwas vertrocknet aussieht. Das liegt daran, dass der Garten erst vor kurzem wieder in die Hand des Viertels gefallen ist. Der Bezirk (jedenfalls irgendeine übergeordnete Stadtverwaltung, wollte den Platz, der schon seit Jahrzehnten ein Gemeinschaftsgarten ist, beschlagnahmen und Luxusappartements drauf bauen lassen. Die Anwohner haben sich daraufhin zusammengetan und geklagt – und gewonnen. Das heißt der Garten bleibt weiter Garten. Das ist selten in Istanbul, meist gewinnen die Baufirmen und Developer. Es ist aber wahrscheinlich kein Zufall, dass einer dieser seltenen Siege der Einwohner in Kuzguncuk passiert ist. Denn die Leute, die hier wohnen, wissen sich zu helfen, kennen Anwälte (oder sind selbst welche). Das fällt schon auf im Vergleich zu Fikirtepe, wo wir am Tag vorher waren, wo die Bewohner sich weder Anwälte leisten können, noch welche kennen. Read the rest of this entry »

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