Tagebuch 17. bis 24. Oktober 2012

Das ist ein Metapost, eine Liste der Tagebuch-Einträge von unserer Reise im Oktober 2012. Wird geupdatet, wenn ein neuer Tag endlich fertig ist.

Tag 6 Eine Insel im Häusermeer. Ein Besuch in Emekevler.

Montag, 22. Oktober 2012 | Pazartesi 22 ekim

Wir laufen eine Hauptstraße in Ataşehir entlang. Es ist eine Wohngegend, Mittelschicht, es geht an einem Kindergarten vorbei, dessen Fassade mit bunten Anbauten und Türmchen geschmückt ist – Plexi in Pink und Grün. Drumherum Wohnhäuser mit zwanzig Stockwerken und hohen Zäunen. Die Wachmänner passen in kleinen Häuschen darauf auf, dass die türkische Mittelschicht ruhig schlafen kann. Auf dem Parkplatz steht ein Lieferwagen, der mit dem Foto einer Einbauküche tapeziert ist.

01atasehir-lieferwagen

Emekevler ist eine Insel in diesem Häusermeer. Man kann sie nur an drei Stellen betreten, durch schmale Steige, über einen betonierten Wasserzulauf. Emekevler heißt so viel wie die Häuser der Arbeiter, sagt Kam, die für uns übersetzt. Arbeiter im Sinne von denjenigen, die nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie auf dem Markt verkaufen – Tagelöhner. Wir laufen eine Seitenstraße hoch und verlassen die Stadt. Links und rechts wachsen Büsche, die Zweige der Obstbäume beugen sich über die Zäune herüber. Wir befinden uns in einem Garten – die Stadt hinter uns verschwindet. Hinter einem blühenden Busch – jetzt im Oktober – kleine Häuser, ebenerdig, mit kleinen Gärten. Wir sehen keinen Menschen. Erst oben auf dem Hügel auf einer breiteren Straße – die Vegetation hat sich gelichtet – begegnet uns ein älterer Mann, der uns gleich anspricht und wissen möchte, wer wir sind und woher wir kommen.

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Tag 6 vormittags Ataşehir

Montag, 22. Oktober 2012 | Pazartesi 22 ekim

Vormittags Manöverkritik. Viele haben wegen unseres Trips nach Tarlabaşı ein schlechtes Gefühl und finden, dass es unglücklich gelaufen ist. Dafür, dass wir noch in Berlin drüber gesprochen haben, dass wir eigentlich nicht neokolonial durch die Gegend rennen wollten, ist nach Meinung vieler genau das passiert. Es ist schwierig, wie man mit solchen Situationen umgehen soll – gerade in der zweiten Hälfte unseres Spaziergangs sind wir ja in Tarlabaşı auch Leuten begegnet, die gerne mit uns reden wollten und durchaus offen waren. Wie gesagt, ein wenig bessere Vorbereitung und Kontakt mit Ansässigen hätte wahrscheinlich geholfen, vor allem, weil ich später erfahren habe, dass viele Studierende in T. wohnen und es viele Initiativen gibt, die sich mit dem Viertel beschäftigen. Das Blog der Anthropologin Constanze Letsch und dem Fotografen Jonathan Lewis www.tarlabasiistanbul.com sammelt vieles davon und wie sich das Viertel entwickelt. Letsch schreibt oft auch für den Guardian über Tarlabaşı. Eine schöne visuelle Reportage habe ich im Blog “Anders anziehen” gefunden, wo die Autorin auch von Außen dahin kommt, von vielen gewarnt wird, aber dann doch sehr nett aufgenommen wird.

Egal, Dinge sind nicht immer perfekt und wir wollen weitermachen. Der Tag heute wird dann noch für mich sehr lohnend, am späten Nachmittag, als wir nach Emekevler kommen, doch zunächst geht es nach der vormittäglichen Besprechung nach Ataşehir in ein Mittelklasse-Wohnviertel. Kam und Hatice wohnen hier in der Nähe, also fotografieren in ihrem eigenen Turf sozusagen. Sie wundern sich auch zunächst etwas, was es denn hier zu fotografieren gibt, sind aber durch aus bereit, mitzumachen. Das ist ja schließlich der Sinn der Sache für sie – ihre eigene Stadt neu kennenzulernen beziehungsweise durch unsere Augen neu zu sehen.

Ein paar von uns fahren jedenfalls mit Kams Auto hin und zuerst müssen wir mittagessen. Ist schließlich MIttag und da ich morgens kaum frühstücke – außer irgendwann einen Kaffee oder Tee – ist mir das nur recht. Die Ladenpassage ist zweistöckig, wobei oben aber viel leer steht. Wir essen in einer Lokanta, da isst man hier zu Mittag, das ist so ein Selbstbedienungsrestaurant, wo man drei oder vier gekochte Essen zur Auswahl hat. Meinst sehr lecker und nicht teuer. Hier ist das eher die Yuppie-Version im Vergleich zu anderen Läden, wo wir waren. Continue reading “Tag 6 vormittags Ataşehir”

Tag 5 Istanbul Modern und mit dem Boot auf dem Bosporus

in front of istanbul modern

Sonntag, 21. Oktober 2012 | Pazar 21 ekim

Der Sonntag ist der einzige freie Tag, den wir in der Woche haben. Mir fehlt die Zeit hier einfach mal rumzulaufen und nichts zu tun – die Stadt wirken zu lassen, ohne dass ich dran denken muss, möglichst viele Fotos zu schießen. Schließlich muss ich am Ende eine Auswahl von Bildern haben, die ich ausstellen kann. Das ist das Ziel dieser ganzen Veranstaltung. So sehr ich mich hier wohl fühle – und das ist schon etwas merkwürdig, ich war noch nie in der Türkei und es ist schon sehr anders, als in Deutschland und auch als in Serbien, trotz aller bekannten Elemente, die mir hier begegnen. Es ist, als ob ich die Stadt schon kenne, nach langer Zeit wieder zurückkehre oder eher, noch nie woanders war. Das ist mir sonst nie so gegangen, aber das Gefühl der Fremdheit, das man in einer neuen Stadt hat, ist nicht da. Jedenfalls beschließe ich, heute nicht zu fotografieren beziehungsweise nur mit dem iPhone und der analogen Knipse, die ich dabei habe, einfach nur Urlaubsfotos zu machen.

Ich bin mit Tiger und Tina verabredet, die ich bisher kaum sehen konnte, wegen dem straffen Programm, das wir hier haben. Ganz frei hab ich trotzdem nicht, denn wir wollen uns im Museum für moderne Kunst “Istanbul Modern” die Istanbul Design Biennale anzuschauen, die sich mit Stadtplanung und Stadtentwicklung beschäftigt, also genau den Themen nachgeht wie wir, natürlich etwas tiefgreifender – wie weit kommt man schon in einer Woche und nach drei oder vier Texten, die wir gelesen haben. Auf der Website der Design Biennale ist ziemlich viel Material – Texte und Zeitschriften, die das Thema sehr ausführlich behandeln.

Danach machen wir einen Bötchen-Ausflug auf den Bosporus bis kurz hinter die zweite Brücke und abends gehen wir wieder ins Çiya essen. Ich brauchen eine mentale Pause nach den ganzen neuen Eindrücken und deshalb belasse ich es auch hier bei diesem kurzen Eintrag.

Tag 4 Hüzün, Tarlabaşı, Levent, Çiya.

Samstag, 20. Oktober 2012 | Cumartesi 20 ekim

Am Vormittag sind wir in unserem Zimmer in Kadıköy (das in dem Bürohaus des Bezirks). Wir schauen uns die Fotos an, die wir bisher gemacht haben in Fikirtepe und Kuzguncuk. Fikirtepe hat mehr hergegeben fotografisch imho, weil dort die Leute alle auf der Straße waren und neugierig. Außerdem war die Kombination zwischen Abrisshäusern und den dörflichen Wohnhäusern spannender als der Mittelklassebezirk Kuzguncuk. Wohnen würde ich allerdings lieber in letzterem. Aber das ist nicht die Frage (und ich könnte es mir wohl nicht leisten).

F. hat hauptsächlich Portraits gemacht. Er macht das auch total gut, irgendwie schafft er es trotz mangelnden Sprachkenntnissen eine Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Ich schaue ihm bei der Arbeit zu und die Leute sind total geduldig, stellen sich hier hin und dorthin, drehen sich ins Licht. Die meisten wollen nicht mal einen Abzug bzw. eine Kopie der Datei. Er erwähnt den Begriff Hüzün, über den Orhan Pamuk geschrieben hat, als konstituierendes Gefühl Istanbuls und das er versuchen möchte, das in den Gesichtern zu finden. Ich lese das Pamuk-Buch erst nach der Reise, mich erreicht es nicht. Hüzün soll ein kollektives Gefühl der Melancholie und Sehnsucht sein, das Istanbul durchdringt. Auf unseren Spaziergängen durch die sonnige Stadt ist davon nicht viel zu spüren. Es ist zwar Oktober, aber wir haben schönstes Sommerwetter. Von Herbst keien Spur. Mir kommt es eher wie Mittelklasse-Dekadenz vor, damals als alles besser war, das alte Istanbul… aber was weiß ich, ich bin ja das erste Mal hier. (Bei Süddeutsche.de gibt es einen Essay von Pamuk über Hüzün: “Hüzün, das Istanbul-Gefühl”)

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Tag 3 Kuzguncuk. Aya Sofya – aber nur von außen.

Freitag, 19. Oktober 2012 | Cuma 19 ekim

Wir sind vormittags in Kuzguncuk mit ein paar jungen Stadtplanern vom „us kentsel fikir atolyesi” („kentsel fikir atolyesi bedeutet so viel wie  „Städtisches Ideenatelier”), die uns in Kuzguncuk herum führen werden. Kuzguncuk ist ein kleines Viertel auf der asiatischen Seite oberhalb von Üsküdar gleich bei der Bosporusbrücke. Es war früher ein Fischerdorf. Jetzt wohnen dort Architekten und Designer. Die Straßen sind schattig, es gibt viele kleine Läden mit Restaurants, eine Galerie, eine Schmuckwerkstatt, alles sehr knuffig und bürgerlich mit Kulturtouch. Also ziemlich nett, auch wenn politisch und ökonomisch natürlich problematisch. Aber natürlich möchte man dort wohnen. Ein Dorf in der Großstadt, aber ohne Misthaufen-Geruch.

Die Stadtplaner, eine junge Frau und ein junger Mann (leider habe ich seinen Namen nicht aufgeschrieben), führen uns zum Kommunalgarten, der leider etwas vertrocknet aussieht. Das liegt daran, dass der Garten erst vor kurzem wieder in die Hand des Viertels gefallen ist. Der Bezirk (jedenfalls irgendeine übergeordnete Stadtverwaltung, wollte den Platz, der schon seit Jahrzehnten ein Gemeinschaftsgarten ist, beschlagnahmen und Luxusappartements drauf bauen lassen. Die Anwohner haben sich daraufhin zusammengetan und geklagt – und gewonnen. Das heißt der Garten bleibt weiter Garten. Das ist selten in Istanbul, meist gewinnen die Baufirmen und Developer. Es ist aber wahrscheinlich kein Zufall, dass einer dieser seltenen Siege der Einwohner in Kuzguncuk passiert ist. Denn die Leute, die hier wohnen, wissen sich zu helfen, kennen Anwälte (oder sind selbst welche). Das fällt schon auf im Vergleich zu Fikirtepe, wo wir am Tag vorher waren, wo die Bewohner sich weder Anwälte leisten können, noch welche kennen. Continue reading “Tag 3 Kuzguncuk. Aya Sofya – aber nur von außen.”

Tag 2 Fikirtepe. Konzert Kolektif Istanbul.

Donnerstag, 18. Oktober 2012 | 18 ekim 2012 perşembe

„Türkçe bilmiyorum“ hab ich in meinem Notizbuch stehen. Dieser Satz wurde ziemlich bald  notwendig. Gerade in den Gecekondus (Post- oder noch) sprechen nicht viele Leute Englisch oder Deutsch. Ab und an treffen wir jemand, der/die in Deutschland gelebt hat, aber die Mehrzahl spricht nur türkisch. Die Kinder kramen ihr Schulenglisch heraus – so war das jedenfalls am Nachmittag in Fikirtepe, als wir von einer Gruppe 10 bis 12-jähriger Jungs begleitet werden, die total neugierig sind, was wir da machen und wieso. Verrückte Ausländer.

Aber von Anfang, das hier soll ja schon so ne Art Tagebuch sein, auch wenn ich es aus dem Rückblick schreibe. Am Morgen des ersten vollständigen Tages in Istanbul gehen wir vormittags in einen Raum des Bezirks Kadıköy. Keine Ahnung, ob das ein Kulturzentrum ist oder was (ich hätte mal ein Foto machen sollen, dafür bin ich ja da – zum Fotos machen).

Klaus zeigt uns Slides von Karsten Kronas: Beyoglu Blue – Heterotopien. Die Fotos gefallen mir sehr gut, gerade weil hier nicht dieses formale im Vordergrund steht (wobei das im Buch noch mal anders aussieht – da steht immer ein Portrait also ein Mensch, neben Fotos der Stadt, Strukturen usw.). Wir reden drüber, wobei er uns erst am Ende sagt, dass es bei dem ganzen Projekt um fließende Geschlechterrollen bzw. die Transsexuellen in den Vierteln von Beyoglu geht. Ihm ist wichtig, dass wir mit einer Bildidee an das Foto machen herangehen. Ich habe totale Schwierigkeiten mir auf die Schnelle was einfallen zu lassen, was auch noch passt, was etwas ausdrückt, was mir die Stadt sagt. Ich bin das erste Mal hier und hab keine Ahnung, wo ich hingucken soll, worauf ich achten soll, was das besondere hier ist. Das wird sich auch nicht ändern im Laufe unseres Aufenthalts. Dazu ist eine Woche viel zu kurz. Continue reading “Tag 2 Fikirtepe. Konzert Kolektif Istanbul.”

Tag 1 Ankunft. Erste Eindrücke

Mittwoch, 17. Oktober 2012 | Çarşamba 17 ekim 2012

Der erste Tag. Wir landen um 11 im Flughafen Atatürk an – die erste von vielen Begegnungen, die wir mit dem toten Staatsgründer haben werden. Man entkommt ihm nicht. Vor allem, weil sich die Stadt auch auf den Nationalfeiertag am 29. Oktober vorbereitet. Aber das lernen wir auch erst später.

Das Frühstück im Flugzeug war erstaunlich lecker, später erfahre ich in einer Kochsendung im deutschen Fernsehen, dass das Turkish-Airlines-Flugzeug-Essen tatsächlich einen sehr guten Ruf hat – verdient wie ich finde. Ein deutscher Chefkoch, frische Zutaten und so weiter. Es gibt Rührei und Fetakäse, Tomaten und Gurken und Oliven. Selbst das Brötchen, das sonst in Flugzeugen trocken und pappig ist, schmeckt hier.

Ich hab so viel gelesen über Istanbul vorher und alles hört sich so spannend und interessant an, dass ich ein bisschen Angst habe, dass ich enttäuscht werde. Zu hohe Erwartungen können nachher Enttäuschung bringen. Bis jetzt lässt es sich gut an. Wir fahren mit dem Bus zum Hafen in Karaköy und dann mit dem Seabus (einer Art Schnellfähre) nach Kadıköy. Das alles dauert ein bisschen. Wir sind erst so gegen 14.30 in Kadıköy, weil der Seabus erst eine Stunde später fährt. Wir warten solange in einer großen Wartehalle, die komplett leer ist. Man muss durch eine Sicherheitskontrolle mit Drehkreuzen und Gepäckdurchleuchtung. Zum Glück gibt es einen Kiosk, wo ich meinen ersten Tee auf türkischem Boden trinke. Küçük çay, lütfen. Mehr Türkisch kann ich nicht. Aber der Tee ist lecker, das Wetter ist schön und wir sitzen am Meer. Denn nach hinten ist die Wartehalle offen und es gibt Tische und Stühle, wo wir zwischen unseren Koffern unseren Tee trinken. Continue reading “Tag 1 Ankunft. Erste Eindrücke”

#Fail #reboot #restart

The idea that this blog would follow my stay in Istanbul faithfully step-by-step and day-by-day failed as I was so busy in the week I spent there that there just was no time. Our schedule was quite full and add to that the difficulty of coordinating 17 adults with their own ideas what to do and where to go and you have a sometimes frustrating experiences where the majority is waiting for two or three individuals. I’m not complaining as I was in both situations. I guess this is normal.

But! But! Before anyone gets the idea that I didn’t like it I have to disabuse them of this notion. Istanbul is the most exciting and beautiful city I’ve been to. I fell in love with the city! And I will be back. I’m serious. I even started to learn Turkish as soon as I arrived in Berlin. If you have to learn Turkish anywhere outside of Turkey Berlin is probably the best choice. So twice a week now I’m going to classes so that next time which will hopefully be soon – I’m aiming for March or so next year – I will be able to at least communicate a little bit, read street signs and the like. It’s a really interesting language as you (you being a person only speaking indo-european languages) have to forget all your preconceived concepts on how a language is structured. So, a bit of a challenge but very welcome.

As the project we are working towards – why I actually went to Istanbul with a group – is continuing during the next few months, there is still time and opportunity to use this blog. So slowly I’m going to put some photos on this site and add some texts I’ve written here and in Istanbul, trace my steps, share research and the like. Maybe the next thing should be a explanation what kind of project this is, who is involved and what we plan to do.