Tag 1 Ankunft. Erste Eindrücke

Mittwoch, 17. Oktober 2012 | Çarşamba 17 ekim 2012

Der erste Tag. Wir landen um 11 im Flughafen Atatürk an – die erste von vielen Begegnungen, die wir mit dem toten Staatsgründer haben werden. Man entkommt ihm nicht. Vor allem, weil sich die Stadt auch auf den Nationalfeiertag am 29. Oktober vorbereitet. Aber das lernen wir auch erst später.

Das Frühstück im Flugzeug war erstaunlich lecker, später erfahre ich in einer Kochsendung im deutschen Fernsehen, dass das Turkish-Airlines-Flugzeug-Essen tatsächlich einen sehr guten Ruf hat – verdient wie ich finde. Ein deutscher Chefkoch, frische Zutaten und so weiter. Es gibt Rührei und Fetakäse, Tomaten und Gurken und Oliven. Selbst das Brötchen, das sonst in Flugzeugen trocken und pappig ist, schmeckt hier.

Ich hab so viel gelesen über Istanbul vorher und alles hört sich so spannend und interessant an, dass ich ein bisschen Angst habe, dass ich enttäuscht werde. Zu hohe Erwartungen können nachher Enttäuschung bringen. Bis jetzt lässt es sich gut an. Wir fahren mit dem Bus zum Hafen in Karaköy und dann mit dem Seabus (einer Art Schnellfähre) nach Kadıköy. Das alles dauert ein bisschen. Wir sind erst so gegen 14.30 in Kadıköy, weil der Seabus erst eine Stunde später fährt. Wir warten solange in einer großen Wartehalle, die komplett leer ist. Man muss durch eine Sicherheitskontrolle mit Drehkreuzen und Gepäckdurchleuchtung. Zum Glück gibt es einen Kiosk, wo ich meinen ersten Tee auf türkischem Boden trinke. Küçük çay, lütfen. Mehr Türkisch kann ich nicht. Aber der Tee ist lecker, das Wetter ist schön und wir sitzen am Meer. Denn nach hinten ist die Wartehalle offen und es gibt Tische und Stühle, wo wir zwischen unseren Koffern unseren Tee trinken.

Auf dem Weg zu Hafen Karaköy fahren wir mit dem Bus durch Wohnviertel. Hohe Häuser, so ca. 10 Stockwerke, umgeben von einem hohen Zaun aus Beton und Metall mit orientalistischen Mustern. Auf den Straßen Blumenrabatte und Wasserspiele.

Fountain in Bakirköy. Photographed from the bus.

Als wir um 14:30 endlich in Kadiköy sind, habe ich die Leute, bei denen ich wohnen soll, noch nicht erreicht. Ich habe mich nämlich nicht im wie die anderen im Hotel eingemietet, da mir das zu teuer war. Über eine Internetplattform habe ich für die eine Woche privat ein Zimmer gefunden in einer WG. Das kostet ein drittel dessen, was die anderen für ein Doppelzimmer zahlen – und ich bin alleine. Als ich das Hotel sehe, bin ich ganz froh. Die Hotelästhetik ist nicht so meins. So ganz allgemein jetzt, nicht speziell auf das Hotel bezogen. Lisa, eine Frau aus dem Kurs, die schon öfter in Istanbul war, weil ihr Mann Familie dort hat, meint, das Hotel sähe aus wie aus den 80er Jahren. Damals wurde es gebaut und seitdem nicht mehr verändert.

Aber der Hafen, der Hafen ist großartig. Voller Menschen und Schiffe, Verkäufer schreien und preisen ihre Waren an. Kinder rennen, Mütter rufen ihnen hinterher. Leute warten auf die Fähren rüber auf die europäische Seite. Die Fähren, die ich auch lieb gewinnen werde.

Ich lasse meinen Koffer bei Klaus, dem Kursleiter. Ich werde später versuchen jemanden zu erreichen – ich hab eigentlich keine Sorge, dass das nicht klappen wird. Sonst muss ich halt doch ins Hotel. Wir haben um 16 h einen Termin in der lokalen Volkshochschule mit dem Leiter. Da sind wir alle neugierig. Ich warte auf die anderen im Foyer des Hotels, das mit marmorierten Fließen und schwarzen Ledersesseln eingerichtet ist. Gemütlich ist anders, aber das soll wohl schick sein. Wir laufen los einfach Klaus hinterher, da wir alle noch gar keine Ahnung haben, wohin und welche Richtung. Das wird noch ein bisschen dauern. Vor allem auch, weil wir jeden Tag woanders sind.

Atatürk-Teller

In der Volkshochschule stehen Vitrinen mit verzierten Tellern und Gläsern in Gold feinziseliert und sorgfältig im Orient-Stil – ganz anders als das Kunsthandwerk in deutschen Volkshochschulen, wo eher abstrakter gearbeitet wird und ein wenig gröber. Vielleicht täuscht das auch, dass ich glaube, das Kunsthandwerk in D. wäre gröber und ich exotisiere die kleinen Hände der Orientalen. Atatürk hängt hier überall – auf den Tellern, auf den Bildern, in jedem Raum ein Foto, eine Radierung, ein Ölbild. Mich erinnert das an die Tito-Bilder in Ex-YU, aber Atatürk ist schon sehr viel länger tot und in YU wurden die Bilder doch relativ bald in den 80ern entfernt.

Der Leiter der Volkshochschule ist Mitte 50, trägt Anzug und sieht aus wie ein kommunistischer Funktionär von vor 30 Jahren. Er führt uns in einen Vortragssaal und erzählt was über die Volkshochschule. Dann wird es seltsam: Er fängt an zu erzählen, wie es war als er das letzte Mal mit Fotografen zu tun hatte. Es gab ein Treffen von Ornithologen, sagt er, und die hätten ihn stundenlang mit Vogelfotos gelangweilt. Das ganze natürlich ausführlicher und auf Türkisch. M. vom Städtepartnerschaftsverein übersetzt. Wir wissen nicht genau, wie wir das deuten sollen, gibt er uns zu verstehen, wir sollen ihm nicht auf den Sack gehen? Es wird wohl in die Richtung gehen, sagt M., man sagt das hier nicht so deutlich, aber in Kombination mit anderen Zeichen, wie dem, dass es die türkische VHS keine Fotogruppe von dort organisiert hat, die mit uns arbeitet, obwohl sich Klaus lange und intensiv darum bemüht hat, deutet in die Richtung. Alles in allem ein etwas bizarrer Nachmittag, auch weil VHS-Leiter Bey zwei mal in seinem Ornithologen-Rant von Handyklingeln unterbrochen wird und offensichtlich private Gespräche führt – vor uns allen im Vortragssaal. M. meint später, es hätte sich angehört wie seine Frau.

Danach laufen wir nach Hause durch das Windmühlenviertel – Yeldeğirmeni ­–, wo wir in einer Bäckerei Tee trinken und was essen. Die drei Angestellten der Bäckerei tun so, als ob sie noch nie Deutsche oder Touristen gesehen hätten und fotografieren mehrfach uns mit ihren Handys. Vielleicht waren wir einfach zu viele auf einem Haufen.

Pasta in Yeldeğirmeni

Um 19 h treffe ich Tuba am Hafen. Tuba ist eine junge Deutsch-Türkin, die nach ihrem BA ein soziales Jahr in Istanbul macht, bevor sie weiterstudiert. Ich wohne in der WG bei Erdal, wo sie auch wohnt und er hat sie gebeten mich abzuholen. Vorher hatte ich sie nicht erreicht, aber jetzt hat es endlich geklappt. Sie ist zierlich und sehr hübsch, so schneewittchen-mäßig, helle Haut, schwarze Haare. Aber was natürlich wichtiger ist, sehr nett und erklärt mir alles. Wir unterhalten uns viel, wenn wir uns sehen in der Wohnung, was aber insgesamt nicht oft sein wird, da ich die ganze Zeit mit dem Kurs unterwegs bin.

Die Wohnung ist eine Maisonnette im obersten Stock in einer Seitenstraße gleich am Hafen. Tuba weiß nicht so genau, in welchem Zimmer ich bleiben soll. Erdal ist mit einem Kumpel nach – keine Ahnung – ich glaube Izmir gefahren, um dort einen Kurzfilm zu drehen und kommt wohl erst in ein paar Tagen wieder. Das Netz ist dort schlecht ausgebaut, so dass man ihn kaum erreichen kann. Und so quartiert sie mich in seinem Zimmer ein, das null aufgeräumt ist. Dreckige Socken liegen herum. Ich bin so, naja, so ist das halt, aber natürlich nicht so begeistert. Sie hat wenigstens die Bettwäsche gewechselt. Als ich später nach Hause komme und schon im Schlafanzug bin, kommt ein Mitbewohner von Erdal und ist etwas verblüfft. Es stellt sich raus, dass ich in dem Zimmer nebenan wohnen soll, das auch hergerichtet ist und er bei Erdal im Zimmer schlafen soll. Er kann kein Englisch und wir verständigen uns mühsam. Aber schließlich ist alles klar. Ich zieh um und bin froh, das war doch etwas komisch und privat in Erdals Zimmer.

Mein Zimmer ist auf der oberen Ebene der Wohnung und gegenüber der Dachterrasse. Die großartig ist. Auf der anderen Seite funkeln tatsächlich die Lichter von Sultanahmet über den Bosporus. Schiffe fahren vorbei. Die Möwen schlafen jetzt und auch die großen Schiffe, die am Horizont ankern sind, unsichtbar.

Blick vom Dach
Blick vom Dach
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