Tag 2 Fikirtepe. Konzert Kolektif Istanbul.

Donnerstag, 18. Oktober 2012 | 18 ekim 2012 perşembe

„Türkçe bilmiyorum“ hab ich in meinem Notizbuch stehen. Dieser Satz wurde ziemlich bald  notwendig. Gerade in den Gecekondus (Post- oder noch) sprechen nicht viele Leute Englisch oder Deutsch. Ab und an treffen wir jemand, der/die in Deutschland gelebt hat, aber die Mehrzahl spricht nur türkisch. Die Kinder kramen ihr Schulenglisch heraus – so war das jedenfalls am Nachmittag in Fikirtepe, als wir von einer Gruppe 10 bis 12-jähriger Jungs begleitet werden, die total neugierig sind, was wir da machen und wieso. Verrückte Ausländer.

Aber von Anfang, das hier soll ja schon so ne Art Tagebuch sein, auch wenn ich es aus dem Rückblick schreibe. Am Morgen des ersten vollständigen Tages in Istanbul gehen wir vormittags in einen Raum des Bezirks Kadıköy. Keine Ahnung, ob das ein Kulturzentrum ist oder was (ich hätte mal ein Foto machen sollen, dafür bin ich ja da – zum Fotos machen).

Klaus zeigt uns Slides von Karsten Kronas: Beyoglu Blue – Heterotopien. Die Fotos gefallen mir sehr gut, gerade weil hier nicht dieses formale im Vordergrund steht (wobei das im Buch noch mal anders aussieht – da steht immer ein Portrait also ein Mensch, neben Fotos der Stadt, Strukturen usw.). Wir reden drüber, wobei er uns erst am Ende sagt, dass es bei dem ganzen Projekt um fließende Geschlechterrollen bzw. die Transsexuellen in den Vierteln von Beyoglu geht. Ihm ist wichtig, dass wir mit einer Bildidee an das Foto machen herangehen. Ich habe totale Schwierigkeiten mir auf die Schnelle was einfallen zu lassen, was auch noch passt, was etwas ausdrückt, was mir die Stadt sagt. Ich bin das erste Mal hier und hab keine Ahnung, wo ich hingucken soll, worauf ich achten soll, was das besondere hier ist. Das wird sich auch nicht ändern im Laufe unseres Aufenthalts. Dazu ist eine Woche viel zu kurz.

Wir bekommen Zettelchen, die uns helfen sollen, diese Bildidee zu entwickeln, mit einem bestimmten Fokus dran. Wir können uns eins aussuchen. Ich habe “Look from the perspective of a dog or a cat” und “Always have the sun in the image, or its direct reflection.” Ich fand das erste nicht so interessant, da die Nummer “aus der Perspektive von Tieren” schnell kitschig werden kann, als entschied ich mich für die zweite Aufgabe.  Das sollte sich aber ebenfalls als schwierig erweisen. Ich verstehe schon, dass die Aufgaben uns helfen sollten uns auf eine Sache zu fokussieren, allerdings wäre etwas Zeit zur Reflektion und zur Erarbeitung einer eigenen Aufgabenstellung hilfreich gewesen. So war alles an der Stadt zu neu und zu aufregend, als dass ich es geschafft hätte, mir meine Perspektive zu erarbeiten.

Zum Mittagessen gehen wir in den Garten des Nazim Hikmet kültur merkezi, des Nazim Hikmet Kulturzentrums, wo es einen sehr leckeren und preiswerten Mittagstisch gibt. Der Garten ist wunderschön in Kadıköy gelegen – wenn man vom Hafen die große Straße hochgeht, biegt man in eine kleine Gasse ab, wo Kunsthandwerker in ihren Ständen allerlei Tand verkaufen. Ich werde später noch ein paar Mal dahin zurückkehren.

Fikirtepe
Fikirtepe: Wohnhäuser zwischen Abrissflächen

Nachmittags dann der erste Ausflug: Es geht es nach Fikirtepe, einem Post-Gecekondu, das gerade umgebaut beziehungsweise abgerissen und neu gebaut wird. „Fikirtepe is a gecekondu that is going to be demolished“, erzählt Klaus. Wir haben ins Englische gewechselt, weil bei dem ersten Unterricht nun auch Kollegen aus Istanbul dabei sind, Teilnehmer eines Fotokurses am Nazim Himet kültur merkezi: Kam, Hatice und Levent. Levent ist der Kursleiter, Hatice und Kam (vollständig heißt sie Kamuran) Teilnehmerinnen. Vor allem Kam ist eine große Hilfe. Sie hat länger in London gelebt und spricht sehr gut Englisch, so dass sie hauptsächlich übersetzt. Hatices und Levents Englisch ist eher so lala, beide aber sehr nett und interessiert, so dass wir sofort anfangen zu reden – nur das mit dem Übersetzen ist dann doch zu stockend. Also muss Kam ran.

In Fikirtepe treffen wir auch den Muhtar – eine Art Stadtviertel-Vorsteher. Er wird gewählt und ist so etwas wie ein Vermittler zwischen den Bewohnern und der Stadtverwaltung. Grade in so einem Gebiet wie Fikirtepe ist das keine angenehme Aufgabe, da viele Bewohner sehr unzufrieden sind, damit wie die ganze Aktion verläuft. Das ist allerdings keine Ausnahme sondern die Regel bei der Stadtentwicklung in Istanbul. Die Pläne werden in der Regel ohne Bürgerbeteiligung aufgestellt, sondern vollkommen nach den Bedürfnissen der Baufirmen und der Politiker erstellt, die allerdings sehr oft personell darin verwickelt sind. Die Bewohner, die Grundbesitz haben, werden zwar entschädigt, die Summe steht aber in keinem Verhältnis zum erwarteten Wertzuwachs. Viele Bewohner unterschreiben ihre Umsetzungsverträge, ohne genau zu wissen, was das im Endeffekt bedeutet. Andere wollen nicht unterschreiben, werden aber unter Druck gesetzt.

Einige schaffen es allerdings auch ganz lukrative Abkommen abzuschließen, indem sie zum Beispiel für ihren Grund Anspruch auf mehrere Wohnungen in den neuen Gebäuden erhalten und diese dann wieder gewinnbringend verkaufen können. Das ist allerdings eher eine Minderheit, da man dafür ja schon ein gewisses Verständnis haben muss für die Mechanismen, die da ablaufen. Andererseits ist das in Istanbul schon ein eingeführtes Modell der Stadtentwicklung, durch das viele Einwanderer in die Mittelklasse aufgestiegen sind. Die meisten Leute nehmen lieber eine feste Summe, sagt der Muhtar, auch wenn die viel zu gering ist nach dem Motto „Lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach“ auch wenn in diesem Fall die Taube das Potential hat, sie richtig wohlhabend zu machen – relativ gesehen jedenfalls.

Der Muhtar erzählt, er glaube nicht, dass er wiedergewählt – zu unzufrieden sind die Einwohner mit der Entwicklung, aber es ist auch nicht so, also ob er irgendeinen Einfluss hätte.

Abends gehen wir ins Konzert – Kolektif Istanbul. Wir = Klaus (der Kursleiter), Ulrike, Anne, Wolf, Karin und ich. War super. In der Istiklal ist es voll, so wie wir vorher gewarnt werden. Wir finden den Laden nicht – das Babylon. Ist wohl einigermaßen bekannt, aber etwas versteckt in einer der Seitengassen der Istiklal Caddesi. Ich frage einen Mann bei Starbucks Cafe, ein Gast hört das, steht auf und führt uns hin. Es ist tatsächlich gleich um die Ecke, aber wir hätten es nie gefunden und wie freundlich ist das denn, uns da gleich hinzuführen.

Kolektif Istanbul Konzert
Kolektif Istanbul Konzert
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