Tag 3 Kuzguncuk. Aya Sofya – aber nur von außen.

Freitag, 19. Oktober 2012 | Cuma 19 ekim

Wir sind vormittags in Kuzguncuk mit ein paar jungen Stadtplanern vom „us kentsel fikir atolyesi” („kentsel fikir atolyesi bedeutet so viel wie  „Städtisches Ideenatelier”), die uns in Kuzguncuk herum führen werden. Kuzguncuk ist ein kleines Viertel auf der asiatischen Seite oberhalb von Üsküdar gleich bei der Bosporusbrücke. Es war früher ein Fischerdorf. Jetzt wohnen dort Architekten und Designer. Die Straßen sind schattig, es gibt viele kleine Läden mit Restaurants, eine Galerie, eine Schmuckwerkstatt, alles sehr knuffig und bürgerlich mit Kulturtouch. Also ziemlich nett, auch wenn politisch und ökonomisch natürlich problematisch. Aber natürlich möchte man dort wohnen. Ein Dorf in der Großstadt, aber ohne Misthaufen-Geruch.

Die Stadtplaner, eine junge Frau und ein junger Mann (leider habe ich seinen Namen nicht aufgeschrieben), führen uns zum Kommunalgarten, der leider etwas vertrocknet aussieht. Das liegt daran, dass der Garten erst vor kurzem wieder in die Hand des Viertels gefallen ist. Der Bezirk (jedenfalls irgendeine übergeordnete Stadtverwaltung, wollte den Platz, der schon seit Jahrzehnten ein Gemeinschaftsgarten ist, beschlagnahmen und Luxusappartements drauf bauen lassen. Die Anwohner haben sich daraufhin zusammengetan und geklagt – und gewonnen. Das heißt der Garten bleibt weiter Garten. Das ist selten in Istanbul, meist gewinnen die Baufirmen und Developer. Es ist aber wahrscheinlich kein Zufall, dass einer dieser seltenen Siege der Einwohner in Kuzguncuk passiert ist. Denn die Leute, die hier wohnen, wissen sich zu helfen, kennen Anwälte (oder sind selbst welche). Das fällt schon auf im Vergleich zu Fikirtepe, wo wir am Tag vorher waren, wo die Bewohner sich weder Anwälte leisten können, noch welche kennen.

Beim Mittagessen in einer der vielen netten Lokantas an der Hauptstraße von Kuzguncuk, die sich vom Ufer hochzieht und von schattigen Bäumen gesäumt ist, erzählen uns die Stadtplaner (inzwischen sind auch noch zwei Mädels dazugekommen) von der türkischen Parteienlandschaft. Wir essen verschiedene Gemüse in Olivenöl – zeytinyağli tabaği steht auf meinem Zettel. Das hat mir eine der Stadtplanerinnen hineingeschrieben. Währenddessen werde ich aufgeklärt über CHP und AKP, MHP und TKP.

Nach dem Essen gehen wir zur Quilting Association. Das Vereinslokal ist in einem renovierten Altbau, draußen hängt ein Metallschild. Es sieht ziemlich wichtig aus für einen Non-profit-Verein. Drinnen sitzen Frauen verschiedenen Alters, die an ihren Quilts nähen. Der Vorsitzenden gehört auch das Haus, in dem sie die Räume dem Verein zur Verfügung gestellt. Sie spricht sehr gutes, flüssiges Englisch – sie wirkt wie eine verrentete Professorin oder so was. Der Verein ist international vernetzt – Quilts reisen zwischen den Ländern hin und her. Wir trinken Tee und schauen uns die kunstvollen Stoffdecken an.

Später wandern wir einen Hügel hoch und schauen runter auf den Bosporus. Auf der anderen Seite des Tales weht eine türkische Fahne. Aus einem der Häuser (Altbau, zweistöckig, rennoviert) kommt ein Mann heraus. Er sieht aus wie ein rothaariger Bär. Er hat einen Teller mit getrockneten Aprikosen dabei, die er uns anbietet. Wir fragen Meltem, eine der Stadtplanerinnen, ob sie uns angemeldet hat. Nein, sagt sie, er hat uns vorbeigehen sehen. Er erzählt uns, dass er gefunden Möbel restauriert und verkauft.

Gegen 18 Uhr sind wir zurück in Kadiköy. Ich will, schon seit wir angekommen sind, endlich die Strandpromenade dort vom Hafen nach Osten entlanglaufen. Bisher habe ich es nicht geschafft, immer ist Programm. Am Anfang der Promenade ist ein kleiner Unterhaltungspark mit Ständen, wo man sich in osmanischer Tracht fotografieren lassen, Fischbrötchen essen, in einem Zelt türkische Volksmusik hören kann. Ein paar Glückspielautomaten stehen da und ein Hau-den-Lukas-Automat, mit einem Bild von Muhammed Ali.

Um 20 Uhr fahre ich mit der Fähre nach Eminönü und besuche zwei Freundinnen, die zufällig zur gleichen Zeit hier sind, in ihrem Hostel. Sie machen das Touri-Programm. Wir sitzen auf dem Dach von dem Hostel, von dem aus man direkt auf die Aya Sophia schaut. Und näher komme ich ihr auf dieser Reise  nicht. Von Sultanahmet und den Sehenswürdigkeiten der Stadt sehen ich nur die Silhouetten von der Fähre aus.

Sultanahmet ist leer und touristisch. Die Stimmung in Sultanahmet ist ganz anders als in Kadıköy. Die türkischen Menschen – alles Männer –, denen man begegnet, arbeiten in der touristischen Serviceindustrie. Und so begegnen sie einem auch. In Kadıköy ist man einfach nur ein Bewohner von vielen. Viel angenehmer.

Aya Sofiya von Tiger und Tinas Hostel.
Aya Sofiya vom Hostel.
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