Tag 4 Hüzün, Tarlabaşı, Levent, Çiya.

Samstag, 20. Oktober 2012 | Cumartesi 20 ekim

Am Vormittag sind wir in unserem Zimmer in Kadıköy (das in dem Bürohaus des Bezirks). Wir schauen uns die Fotos an, die wir bisher gemacht haben in Fikirtepe und Kuzguncuk. Fikirtepe hat mehr hergegeben fotografisch imho, weil dort die Leute alle auf der Straße waren und neugierig. Außerdem war die Kombination zwischen Abrisshäusern und den dörflichen Wohnhäusern spannender als der Mittelklassebezirk Kuzguncuk. Wohnen würde ich allerdings lieber in letzterem. Aber das ist nicht die Frage (und ich könnte es mir wohl nicht leisten).

F. hat hauptsächlich Portraits gemacht. Er macht das auch total gut, irgendwie schafft er es trotz mangelnden Sprachkenntnissen eine Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Ich schaue ihm bei der Arbeit zu und die Leute sind total geduldig, stellen sich hier hin und dorthin, drehen sich ins Licht. Die meisten wollen nicht mal einen Abzug bzw. eine Kopie der Datei. Er erwähnt den Begriff Hüzün, über den Orhan Pamuk geschrieben hat, als konstituierendes Gefühl Istanbuls und das er versuchen möchte, das in den Gesichtern zu finden. Ich lese das Pamuk-Buch erst nach der Reise, mich erreicht es nicht. Hüzün soll ein kollektives Gefühl der Melancholie und Sehnsucht sein, das Istanbul durchdringt. Auf unseren Spaziergängen durch die sonnige Stadt ist davon nicht viel zu spüren. Es ist zwar Oktober, aber wir haben schönstes Sommerwetter. Von Herbst keien Spur. Mir kommt es eher wie Mittelklasse-Dekadenz vor, damals als alles besser war, das alte Istanbul… aber was weiß ich, ich bin ja das erste Mal hier. (Bei Süddeutsche.de gibt es einen Essay von Pamuk über Hüzün: “Hüzün, das Istanbul-Gefühl”)

Um 14.30 nehmen wir die Fähre nach Kabataş, von dort aus die Seilbahn (Füniküler) nach Taksim. Das Ziel ist Tarlabaşı. Ich weiß gar nicht, was ich darüber schreiben soll, denn der Ausflug nach Tarlabaşı war eine ausgesprochen schlechte Idee. Oder wir waren ausgesprochen schlecht vorbereitet. Tarlabaşı hat ein sehr schlechtes Image in Istanbul. Anständige Leute gehen da nicht hin. Aber ich kenne auch Leute, die nicht nach Kreuzberg oder Neukölln wollen, weil sie es für gefährlich halten, von daher muss man alles relativ sehen. Es ist aber wohl schon so, dass wenn man nach Tarlabaşı geht – und dort wohnen auch ganz normale Menschen, nicht nur Junkies und Zuhälter – sollte man trotzdem wissen, wo in Tarlabaşı man sich bewegt – und wir hatten keine Ahnung.

Und so trampelten wir fotosafari-mäßig (und ich benutze dieses Wort mit all den Implikationen die es beinhaltet – negativen) durch die Straßen und prompt dorthin, wo wir besser nicht hingelaufen wären. Ich blieb immer eher hinten, so dass ich es erst später mitbekommen habe, dass einer von uns von einem Hilfsdealer mit einem Messer bedroht wurde. Der Typ war wohl auch noch auf irgendwas drauf. Der Chef kam dann auch raus aus einem Haus und die Verhandlungen fingen an. Wir konnten sie zum Glück überzeugen, dass wir harmlos waren, und durften dann weiter gehen, außen rum. Die Straße war tabu, wegen Prostitution und Drogenhandel oder so.

Alle waren total geschockt. Viele von uns fühlten uns wie die letzte Art von kolonialen Ärschen und hatten auch keine Lust mehr zu fotografieren. Ein wenig später kamen wir in einen Straßenzug, wo Studenten und Familien wohnten, da kamen wir auch mit Leuten ins Gespräch und es war auch völlig ok, dort zu fotografieren – für diejenigen, denen es nicht vergangen war. Aber auch dort saßen immer wieder Gruppen von drei oder vier jüngeren Männern zusammen, die offensichtlich stoned waren. Tarlabaşı ist ein Viertel, das aus lauter kleinen Straßen mit zwei bis dreistöckigen Altbauten besteht. Die meisten aus dem 19. Jahrhundert. Es ist sehr eng und labyrinthisch. Ich wurde etwas paranoid nach dem Run-in mit den Zuhältern und dachte bei mir, wenn die sich absprechen und uns den Weg abschneiden, haben sie uns ganz schnell im Hinterhalt. So eine Kamera würde bestimmt nicht ganz wenig Drogen bringen, wenn man sie verkauft.

Es ist dann aber natürlich nichts geschehen. Hätte aber. Und nicht weil man nicht in Tarlabaşı rumlaufen darf, sondern weil man wissen muss wo. Ich hab später noch einige Sachen gelesen und es gibt einige Initiativen in Tarlabaşı, die sich für die Bewohner einsetzen. Wir hätten einfach einen Guide gebraucht, wie am Tag vorher in Kuzguncuk beziehungsweise in Kuzguncuk hätten wir auch drauf verzichten können, wobei es natürlich nett war, Meltem und die anderen kennenzulernen.

Über Tarlabaşı und den Umbau und die Vertreibung der Bevölkerung wurde in Deutschland in der Presse viel geschrieben (z.b. im Tagesspiegel, aber auch in der Süddeutschen). Von daher war es auf jeden Fall ein lohnendes Ziel, aber so wie es abgelaufen ist, hatten wir alle nichts davon. Will man Öffentlichkeit schaffen für die Leute dort, die es definitiv brauchen, so reicht es nicht einen Nachmittag dort einzufallen wie die Heuschrecken auf der Suche nach pittoresken Bildern. Da muss man sich schon mehr Zeit nehmen. Meint jedenfalls die Schreiberin in mir. Bloß weil es so einfach ist auf den Auslöser zu drücken, heißt es nicht, dass man in drei Stunden schon was zu sagen hatte.

Nach Tarlabaşı hat der Kursleiter Levent und ein Shopping-Center geplant, aber ich kann nicht mehr. Ich hänge mich an F., der eine Gruppe von Jungs fotografiert, bewundere seine Kommunikations-Skills und bin nicht unglücklich, als wir den Rest der Gruppe verlieren. Wir versuchen zwar anzurufen, aber es meldet sich niemand. Wir kommen nicht mehr zusammen.

Abends gehe ich mit zwei drei anderen aus der Gruppe ins Çiya in Kadıköy. Der Besitzer hat dort traditionelle anatolische Rezepte gesammelt und kocht sie in einer Lokanta, einer Art Selbstbedienungsrestaurant, nach. Das Çiya steht in allen Reiseführern und auch die Istanbuler selbst kennen es. Es ist definitiv super lecker und auch bezahlbar, was man nicht denken würde, wenn man darüber liest. Nach der Aufregung des Tages müssen wir uns erstmal mit gutem Essen beruhigen. Morgen ist auch frei, das heißt, wir müssen keine Fotos machen!

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