Tag 6 Eine Insel im Häusermeer. Ein Besuch in Emekevler.

Montag, 22. Oktober 2012 | Pazartesi 22 ekim

Wir laufen eine Hauptstraße in Ataşehir entlang. Es ist eine Wohngegend, Mittelschicht, es geht an einem Kindergarten vorbei, dessen Fassade mit bunten Anbauten und Türmchen geschmückt ist – Plexi in Pink und Grün. Drumherum Wohnhäuser mit zwanzig Stockwerken und hohen Zäunen. Die Wachmänner passen in kleinen Häuschen darauf auf, dass die türkische Mittelschicht ruhig schlafen kann. Auf dem Parkplatz steht ein Lieferwagen, der mit dem Foto einer Einbauküche tapeziert ist.

01atasehir-lieferwagen

Emekevler ist eine Insel in diesem Häusermeer. Man kann sie nur an drei Stellen betreten, durch schmale Steige, über einen betonierten Wasserzulauf. Emekevler heißt so viel wie die Häuser der Arbeiter, sagt Kam, die für uns übersetzt. Arbeiter im Sinne von denjenigen, die nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie auf dem Markt verkaufen – Tagelöhner. Wir laufen eine Seitenstraße hoch und verlassen die Stadt. Links und rechts wachsen Büsche, die Zweige der Obstbäume beugen sich über die Zäune herüber. Wir befinden uns in einem Garten – die Stadt hinter uns verschwindet. Hinter einem blühenden Busch – jetzt im Oktober – kleine Häuser, ebenerdig, mit kleinen Gärten. Wir sehen keinen Menschen. Erst oben auf dem Hügel auf einer breiteren Straße – die Vegetation hat sich gelichtet – begegnet uns ein älterer Mann, der uns gleich anspricht und wissen möchte, wer wir sind und woher wir kommen.

Als klar ist, dass wir weder von einem Bauunternehmen noch vom Bezirk sind, fängt er an zu erzählen: Sie sollen hier weg, es sollen noch mehr Wohnhäuser für die Reichen gebaut werden und sie seien im Weg. Einige Bewohner sind schon ausgezogen. Der Bezirk lässt die Häuser abreißen und die Trümmer einfach liegen. Das soll Druck auf die restlichen Bewohner ausüben, damit sie auch ausziehen. Und wirklich – jetzt sehen wir die Trümmerflächen, die von den Büschen und Bäumen, die überall wachsen, verdeckt werden. Zwischen den Steinen liegen alte Decken und Schuhe, Plastikspielzeug überzogen mit einer Schicht von Staub. An den Resten einer Wand hat ein Kind ein Bild gemalt: eine Frau mit langen Haaren, die freudig ihre Arme hebt. Der halbe Kopf ist weggebrochen. Daneben steht in Kinder-Krakelschrift „Bella“ – die Schöne. Mitten durch das Wort geht ein Riss.

Schutt

Schutt

Nach und nach kommen mehr Leute aus den Häusern, Frauen, Männer und Kinder. Der Mann, der uns entdeckt hat, führt uns durch die Gegend: Zum bakkal, dem „Onkel-Ahmed-Laden“, der geschlossen wurde vom Bezirk, angeblich weil er die Hygienevorschriften nicht beachtet hat. Der Besitzer darf aber nicht mehr aufmachen, auch wenn er den Laden umbauen würde, sonst droht ihm Gefängnis. Er steht vor seinem geschlossenen Laden und guckt sehr traurig, die Hand auf dem Revers seiner Jacke. Vor dem Laden müssen wir Kinder fotografieren, einen Jungen mit seinem Hund, zwei Mädchen mit Fahrrädern. Sie fragen nicht nach Abzügen. Fotografiert werden reicht. Wer ihre Fotos später anschaut, daran denken sie nicht.

Wir gehen weiter zum Nachbarschaftscafé. Auch das ist vom Bezirk geschlossen worden. Hier hatten sich bis vor Kurzem die Bewohner der Siedlung versammelt und über ihre Angelegenheiten geredet. Darüber wie sie den Bauunternehmern und den Bezirksmenschen gegenüber treten wollen. Das war nicht erwünscht. Sie haben einen Anwalt und wollen um ihre kleine Siedlung kämpfen. Die Chancen stehen aber nicht gut. In vielen Gecekondus [1], die in den 1980er Jahren legalisiert wurden, bekamen die Bewohner die Titel auf den Grundbesitz im Austausch für Wählerstimmen überlassen. Hier lief es anders. Die Bewohner von Emekevler durften zwar offiziell hier wohnen – das haben sie schriftlich –, aber das Land gehört nicht ihnen. Die Bezirksregierung versucht nun, sie dazu zu kriegen, freiwillig wegzuziehen. Das wollen sie aber nicht, denn die Gemeinschaft ihrer Siedlung ist ihnen wichtig. Sie wohnen schon seit 30 Jahren hier. Das erzählen uns die Männer im Leseraum der Moschee, wo sie sich jetzt treffen. Den kann der Bezirk nicht schließen. Das lässt sich politisch nicht durchsetzen.

Im Leseraum der Moschee

Im Leseraum der Moschee

Als wir die Siedlung verlassen, wird es schon dunkel. Die Straßenlaternen färben die Häuser in Neon-Pink. Ein freundlicher Hund folgt uns noch ein Stück. Wir überqueren einen betonierten Bachlauf und sind wieder draußen in der Stadt. Aus den Fenstern der Wohnhäuser leuchten die Fernseher über unseren Köpfen.

Ausgang


[1] Wörtlich „nachts hingestellt“ – informelle Siedlungen, die am damaligen Stadtrand von Zuzüglern aus Anatolien errichtet wurden. Inzwischen sind die Siedlungen mitten in der Stadt und zu wertvollem Bauland geworden.

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