Ich sehe Istanbul, meine Augen geschlossen (nach Orhan Veli Kanık)

Subjektive Betrachtungen aus der Entfernung

Als ich am Hafen von Kadıköy aus dem Flughafen-Shuttle aussteige, sieht alles aus wie vor drei Jahren. Riesige Reklame-Banner auf den Häusern, die zum Hafen blicken – Mobilfunk, eine Klamotten-Marke, irgendeine Bank; Busse machen sich kreuz und quer auf in die Wohnquartiere der asiatischen Seite; Simit-Verkäufer rufen nach Kunden; Blumenfrauen warten; Jugendliche hängen herum und reden oder fahren Skateboard und machen Kunststücke. Das könnte alles auch in anderen Großstädten stattfinden. Und doch, das Bild und der Soundtrack ist reinstes Istanbul. Ist es das Licht am Ufer des Meeres, das anders ist und die Gesichter der Menschen, die Häuser und Straßen beleuchtet? Oder die Möwen, die um Futter balgen und heisere Schreie ausstoßen? Der Geruch des Salzwassers?

„Tuzlu Su“, Salzwasser, war auch das Motto der 2015er Istanbul Biennale, die bis Ende Oktober in verschiedenen Orten der Stadt internationale Kunst zeigte. Salzwasser verbindet die verschiedenen Orte der Stadt und die Menschen, die dort leben und lebten. Salzwasser steht auch für das Mittelmeer, das seit 2015 der Schauplatz einer der großen Tragödien dieses noch jungen Jahrtausends ist. Viele Menschen mussten ihre Heimat verlassen, vor Krieg und Zerstörung fliehen. Viele verloren im Meer ihr Leben. 2015 war das Jahr, als die Flüchtlinge aus Syrien nicht mehr dort blieben, wo Europa sie ignorieren konnte. In Istanbul waren sie schon länger. In Stadtteilen wie Tarlabaşı, an Straßenecken, dort wo die großen Moscheen stehen in Sultanahmet, an den Anlegestellen der Fähren in Karaköy oder Eminönü.

Daneben ein anderes Bild von Istanbul: Wolkenkratzer mit Büros von Banken und Finanzdienstleistern, Shopping Malls voll mit Modeläden – H&M, Mango, Zara –, Luxusartikeln und Unterhaltungselektronik. Wohngebiete mit Hochhäusern, in denen die türkische Mittelklasse lebt, die mit Shuttle-Bussen morgens über die Autobahn in ihre klimatisierten Büros gebracht wird und abends spät wieder zu Hause abgesetzt. Die Wohnblöcke sind umzäunt und bewacht – Gated Communities für die Mittelschicht. Die Autobahnringe – der dritte wird gerade gebaut – sind die Adern, die die Organe der Stadt verbinden.

Der Istanbuler Stadtforscher Orhan Esen erzählt während einer Bustour, dass es zwei Arten von Aufstieg in der türkischen Gesellschaft gibt. Auf der einen Seite ganz klassisch: Aufstieg durch Bildung. Die Eltern schicken ihre Kinder auf eine gute Schule, die vielleicht am anderen Ende der Stadt ist, zu der man mit dem Schulbus jeden Tag eine Stunde unterwegs ist (und abends noch eine Stunde zurück). Die Kinder lernen etwas Anständiges, studieren und werden Anwalt, Architekt, Arzt – das Dreigestirn des bürgerlichen Erfolgs. Auf der anderen Seite gibt es die Selfmade-Männer, die auf der Straße aufgewachsen sind, sich dort durchgesetzt und ihr Netzwerk aufgebaut haben. Männer wie Recep Tayyip Erdoǧan, der türkische Präsident.

Sie alle leben gemeinsam als neue Mittelklasse und Oberschicht in ihren abgezirkelten Lebensräumen: Wohnung, Schule, Arbeitsplatz, Shopping Mall, Wohnung. Eine reduzierte Form der Stadt, die alles ausblendet, was unerwartet und gefährlich sein könnte.

Nirgends sei die Angst größer als hier, erzählt Esen. Schaut man sich die Statistiken an, ist Istanbul eine der sichersten Städte der Welt. Aber die gefühlte Unsicherheit erreicht irrationale Höhen. Nirgendwo haben die Menschen mehr Angst. Wovor? Das ist nicht ganz klar. Der modernen Welt, dem Neoliberalismus, dem großen Erdbeben?

Ein echter Grund für Angst sind die Terroranschläge der letzten Monate. Allein in Istanbul gab es drei: Im Januar 2016 starben zwölf Menschen beim Obelisken auf dem Sultanahmet-Platz; im März fünf Menschen auf der Hauptgeschäftsstraße Istiklal Caddesi; vor wenigen Tagen 41 im Atatürk-Flughafen. Wie verändert sich eine Stadt unter einer solchen Bedrohung?

Was hat das alles mit Fotografieren zu tun? Einiges. Wie alle großen Städte ist Istanbul nicht nur eine Stadt, sondern viele verschiedene Städte – eine neben der anderen, eine unter der anderen. Viele Parallelstädte, unsichtbare und sichtbare. Wie diese Vielfalt an Geschichte und Geschichten in Bilder fassen? Wie sich den Menschen nähern, ohne kolonialen Blick? In unserer Fotogruppe unterhalten wir uns oft darüber, was es bedeutet, als Fremde in diese Stadt zu kommen, die so viel größer ist als wir und Bilder zu machen, die wenigstens ein kleines bisschen vom Geist der Stadt einfangen. Die nicht einfach nur Abbilder orientalistischer Träume sind, Abbilder des Fremden und Exotischen.

Wir haben uns in Berlin vorbereitet, aber die Theorie ist immer etwas anderes als die Wirklichkeit. Und diese Stadt ist wirklich – auf überwältigende Weise. Schönheit überfällt uns hinter den unscheinbarsten Straßenecken. Vom Hügel des Stadtviertels Gülsuyu-Gülensu auf der asiatischen Seite der Stadt gibt es einen unvergleichlichen Blick auf das Marmara-Meer. Erstklassiges Bauland – aus der Sicht des Bauspekulanten. Wir sprechen mit Aktivisten, die versuchen für ein Stadtviertel bei der Bezirksverwaltung und den Investoren den bestmöglichen Deal herauszuschlagen.

Die Bewohner wollten sich nicht vertreiben lassen. Sie haben sich erfolgreich gegen die lokale Stadtverwaltung durchgesetzt. Es werden zwar neue, größere Häuser gebaut, aber sie können bleiben. Trotz dieser guten Nachricht wird auch dieses Viertel sich ändern. Was wird in zwei, fünf, zehn Jahren hier stehen? Luxusapartments? Wohnghettos?

Geht man heute durch das Viertel von der Spitze des Hügels bergab, kommt man durch die typische Gecekondu-Bebauung: einzelnstehende, einstöckige Häuser für eine Familie. Es gibt Gemüsegärten und Grünflächen mit Bienenstöcken. Kinder spielen Fußball. Die Sonne macht aus dem Auf und Ab der Dachgiebel ein kubistisches Gemälde. An den Mauern viele Graffiti mit linken Parolen. Das führt später dazu, dass ich in einer Polizeistation feststecke, weil ich in Ataşehir aus Versehen ein Polizeigebäude fotografiert habe und die Polizisten die Fotos aus Gülensu in meiner Kamera finden. Denn die Gruppen, die die Graffiti sprühen, sind von der Regierung verboten. All das wusste ich nicht, als ich sie fotografierte. Denn auch das ist Istanbul: Eine Stadt in einem Land, in dem die Freiheit, zu sagen, was man will, und zu leben, wie man will, immer mehr eingeschränkt wird.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es manchmal. In Istanbul brauche ich tausend Bilder und alle Worte dieser Welt sind nicht genug.

Valie Djordjevic, Juni 2016
Erschienen im Katalog zur Ausstellung urbanISTanbul 

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urbanISTanbul in Berlin, Projektraum Bethanien

Foto: Ania Kasziot

Foto: Ania Kasziot

A new installment in the Istanbul project initiated by Klaus Eisenlohr at the Photocentrum  at the Gilberto Bosque Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg. urbanISTanbul again got together photographers from Berlin who went to Istanbul for a week in October 2015 and put together an exhibition. It opens on September 2nd at Projektraum Bethanien in Berlin. 13 photographers collected impressions and pictures of a city that is in the process of massive change – physical, social, political.

Valie Djordjevic: Procedures for forgetting
Valie Djordjevic: Procedures for forgetting

I am glad that I was able to participate again. My work is called „Procedures for forgetting“. The title is taken from a book by the French philosopher Michel de Certeau „The practice of everyday life“. One chapter is about walking in the city. There he describes how the practice of mapping means that the actual city gets forgotten. What I wanted to capture are different ways of experiencing a city (in this case Istanbul) that are going beyond looking at buildings. My pictures are metaphors for some of the stories and constructions that are happening. I will write more about it soon.

The exhibition is still open until September 11th at Projektraum Bethanien. More info at www.urbanistanbul.de.

Woraus besteht Stadt?

Aus den Luftballons am Meerufer; aus Parkplätzen; Straßenkreuzungen; einem Stuhl in einer ruhigen Ecke der Einkaufspassage, neben dem ein Aschenbecher und ein Putzeimer stehen; dem bröckeligen Mosaik im Viertel, das abgerissen wird; einem platt gefahrenen Schuh; den Blumenrabatten auf dem Mittelstreifen der Autobahn; den roten und blauen Fähnchen zum Nationalfeiertag, die sich über Straßen und Plätzen ziehen; der dicken Katze auf dem Bürgersteig, die die Passanten keines Blickes würdigt; den zerbrochenen Teetassen neben dem Container; den Wasserflaschendeckeln an den Straßenecke; den Regenschirmverkäufern am Hafen, die laut „buyurun, buyurun“ rufen; den Rosen am verrosteten hellblauen Metallgitter; der Schafswolle, die im Garten zum Trocknen hängt; der Sonne zwischen den Blättern; den Möwen, die hinter der Fähre nach Brot schnappen; den Männern in der Moschee, die erzählen, dass sie aus ihrem Viertel vertrieben werden; den leeren Häuschen der Security-Leute; dem Blick der Frau aus dem vergitterten Fenster, die nicht fotografiert werden möchte; kichernden, uniformierten Schülerinnen auf dem Weg nach Hause; Bushaltestellen auf der Stadtautobahn; Fußpfaden zwischen fahrenden Autos; Busbahnhöfen und Dolmuş-Bussen; und dem Glitzern des Wassers auf dem Bosporus.